Benutzer: Gast | Login
 
 
Startseite Staats- und Stadtbibliothek Augsburg Augsburger Friedensgemälde Die Augsburger Friedensgemälde - Tradition und Bedeutung [Einführung]

    Friedensgemälde 1652:
Allegorie auf Friede und Gerechtigkeit (Herrscher als Friedensfreunde)
Kolorierter Kupferstich mit Typendruck,
Staats- u. Stadtbibl. Augsburg, Graph 21/6 [1652]

Die Augsburger Friedensgemäde — Tradition und Bedeutung im Rahmen der Erinnerungs- und Gedächtniskultur des Westfälischen Friedens


In der Augsburger Erinnerungs- und Gedächtniskultur des Westfälischen Friedens war die evangelische Schuljugend eine wichtige Zielgruppe, wie die Einführung des Kinderfriedensfests am Mittwoch nach dem Friedensfest bereits im ersten Jahr seiner Feier zeigt. Aus der religionspädagogischen Erkenntnis heraus, dass die bildliche Anschauung einen für Kinder und Jugendliche geeigneten und reizvollen Ausgangspunkt der Belehrung und Erziehung darstellt, wurden die ausgeteilten gedruckten Gebete schon 1651 in den Gemeinden Zu den Barfüßern und St. Anna mit kleinen Kupferstichen geschmückt.
1652 bekam die gesamte Schuljugend einen Einblattdruck mit einem großformatigen Kupferstich und einem noch kurzen Gedicht, 1653 wurde noch einmal ein Gebet ohne Abbildung verteilt. Ab 1654 bis zum Ende der Tradition 1789 bekamen die Schüler dann alljährlich ein "Friedensgemälde" in gleichbleibender Form geschenkt, große Bögen im Folioformat mit jeweils einem Kupferstich in der oberen Hälfte des Blattes und einem umfangreicheren Text darunter, der in gereimter Form die Bildinhalte erläutert und auslegt.

Eine solche Folge von 138 graphischen Blättern stellt in der Erinnerungs- und Festkultur des Protestantismus etwas Einzigartiges dar, in Augsburg als dem führenden deutschen Zentrum der Druckgraphik nach dem Dreißigjährigen Krieg waren die Voraussetzungen aber auch günstig wie in kaum einer anderen Stadt, dem Bild ein so großes Gewicht in der religiösen Erziehung zukommen zu lassen. Die Herausgabe und Finanzierung der Friedensgemälde oblag der Gemeinde Zu den Barfüßern. Unter den Geistlichen dieser Gemeinde dürften die anonym bleibenden Verfasser der gereimten Erläuterungen zu suchen sein, die Namen der Zeichner und Stecher und vereinzelt auch der Drucker der Texte werden genannt.

Überwiegend zeigen die Bilder Szenen und Darstellungen aus dem Alten und Neuen Testament, von 138 Kupferstichen sind 89 biblischen Inhalts. Daneben begegnen Motive aus der Kirchen- und Reformationsgeschichte, Darstellungen von Friedensallegorien und reichspolitischen Ereignissen, immer wieder werden Bezüge zur Geschichte der Stadt Augsburg und der Augsburger evangelischen Gemeinde hergestellt. Die über einen Zeitraum von fast 140 Jahren erscheinenden Friedensgemälde vermitteln ein aufschlußreiches Bild der Stilentwicklung in der Augsburger Kupferstichkunst. Zugleich sind sie geprägt vom Wandel in der Selbstdarstellung und in den religiösen und politischen Auffassungen und Schwerpunktsetzungen der Augsburger evangelischen Kirche. Bis 1667 herrschen Friedensallegorien vor, um die innere Eintracht zu befestigen, dann steht die katechetische Unterweisung mit biblischen Texten im Mittelpunkt. Um 1700 dringt die religiöse Polemik und Kontroverse stärker vor, die Jahre zwischen 1717 und 1755 werden völlig beherrscht von den großen Jubiläen der Reformationszeit und des Dreißigjährigen Krieges. Danach treten konfessionelle Auseinandersetzungen zurück und die moralische und religiöse Erziehung zu gottesfürchtigen und tüchtigen Mitgliedern des Gemeinwesens steht im Mittelpunkt.

(Helmut Gier)

Literatur:
Gier, Helmut: Friedensgemälde. In: 350 Jahre Augsburger Hohes Friedensfest. Katalog der Ausstellung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, 22. Juli bis 22. Oktober 2000. Hrsg. von Helmut Gier. Augsburg 2000, S. 68-123 (mit weiterführender Literatur).